Andreas Ellinger

JOURNALISMUS IN WORT UND BILD

Die Systemfrage

Veröffentlicht in: Kommentare, Politik

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Die Banken haben mit ihrer Geschäftspolitik eine Wirtschaftsweise unterstützt und verstärkt, die zu Lasten der Arbeitnehmer in Deutschland und anderswo ging – und sie tun es weiterhin. Wer Geld hat und es in Form von Unternehmens-Beteiligungen und Finanz-Spekulationen „arbeiten“ lässt, konnte und kann daraus ein höheres Einkommen erzielen wie die allermeisten Leute aus ihrer eigenen Arbeitskraft.

In diesem System haben sich viele verzockt – unter anderem Banken, die jetzt vom Staat Hilfe in Milliarden-Höhe bekommen. Und wer finanziert den Staat und ist seine „Sicherheit“ ? Wir alle.

Es ist also unser Geld, dass Banken vom Staat bekommen. Und was machen jene Banken? Einige verschönern offenbar ihre Bilanzen, anstatt unsere Arbeitgeber in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschafts-Krise mit Krediten zu versorgen. Das wurde bei der gestrigen Arbeitnehmer-Demonstration in Horb kritisiert. Mehr noch: Manche Banken üben auf Firmen sogar Druck aus, dass sie Mitarbeiter entlassen. Das berichtete Betriebsrats-Vorsitzender Karl Schäfer aus der Horber Firma „Leuco“.

Demnach werden auf Druck der Banken also die Leute entlassen, die das „Banken-HartzIV“ finanzieren sollen. Dieses System kann nicht funktionieren – das dürfte selbst mancher Grundschüler erkennen, wenn es ihm im Mathe-Unterricht erklärt würde. Die Mehrheit der Politiker scheint es aber immer noch nicht verstanden zu haben oder nicht verstehen zu wollen, sonst müssten sie dieses Finanz- und Wirtschaftssystem in Frage stellen. Denn mit Reförmchen ist da nichts zu retten.

Es drängt sich der Verdacht auf: Nur weil den entscheidenden Parteien nichts Besseres als die bestehende Marktwirtschaft einfällt, halten sie an ihr fest – obwohl klar ist, dass der Niedergang dieses Systems nicht mehr aufzuhalten, allenfalls zu verzögern ist. Und diese Verzögerungs-Taktik verursacht „Einzelschicksale“ – massenhaft „Einzelschicksale“. Betroffen sind zunehmend Leute in Deutschland. Dass weltweit in jedem Jahr viele Millionen Menschen an den Folgen des ungerechten globalisierten Wirtschafts-Systems sterben, ist ohnehin schon lange bekannt.

Abgesehen von den persönlichen Vorteilen, die viele Entscheidungsträger von diesem ungerechten Wirtschaftssystem haben, resultiert das Übel aus der vorherrschenden Denkstruktur, in der nicht nur Politiker gefangen sind. Im Mittelpunkt des Denkens stehen Systeme oder „das System“ – und nicht die Menschen.

So kann ein Unternehmer in der Regel schlüssig begründen, warum er seinen Mitarbeitern nicht mehr Lohn bezahlen kann: Weil er sonst – innerhalb des bestehenden Systems – nicht konkurrenzfähig ist. Und die Bundesregierung kann begründen, warum die „Hartz IV“-Sätze (jene für Menschen, nicht für die Banken) so niedrig sein müssen… – weil das Geld für höhere Zuwendungen nicht da ist. Genauso lässt es sich vorrechnen, dass im bestehenden Gesundheitssystem das Horber Hospital nicht weiterbetrieben werden kann.

Ein Umdenken ist notwendig – wie dringend, das lässt sich schon gar nicht mehr in Worte fassen…!

Man muss sich immer wieder bewusst machen: Von den Ressourcen und vom Know-How her ist es kein Problem, genug Nahrung und andere Güter des täglichen Bedarfs zu produzieren, um alle Menschen zu versorgen. Das muss ein Wirtschafts- beziehungsweise Gesellschafts-System leisten. Ein System, das sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert – und nicht umgekehrt.

Voraussetzung dafür ist, dass Rohstoffe und Arbeitskraft bedürfnis- und nicht gewinnorientiert eingesetzt werden. Das ist in einer Marktwirtschaft nicht in ausreichendem Maße möglich, auch nicht in der „sozialen Marktwirtschaft“. Wo es einen mehr oder weniger freien Markt gibt, wird immer ein Gewinnstreben herrschen, das – wie zur Zeit in Deutschland – Existenzen vernichtet und in manchen Teilen der Welt tödliche Folgen hat.

Andreas Ellinger, Südwest Presse Horb, Horber Chronik

Donnerstag

14

Mai 2009

Publikation:
Südwest Presse

 

Ressort:
Horb