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Andreas Ellinger

JOURNALISMUS IN WORT UND BILD

Deger auf Schillers Spuren?

Veröffentlicht in: Berichte, Energie

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Die Solarfelderwirtschaft erinnerte den Tübinger OB Palmer an die Streuobstwiesen

Hätte der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer die Firma „Deger Energie“ schon vor zwei Jahren besucht, dann hätte das Horber Unternehmen möglicher Weise den Auftrag zum Bau des Nordstetter Solarparks „Reute“ erhalten. Palmer zeigte sich am Dienstag von der Nachführtechnik für Fotovoltaikanlagen begeistert. Er strebt es daher an, in künftigen Solarpark-Ausschreibungen Nachführsysteme zu verlangen.

OB Peter Rosenberger (links) und OB Boris Palmer (rechts) zu Gast in der Solartechnik-Firma von ... OB Peter Rosenberger (links) und OB Boris Palmer (rechts) zu Gast in der Solartechnik-Firma von Artur Deger.  Bild: ael

OB Peter Rosenberger (links) und OB Boris Palmer (rechts) zu Gast in der Solartechnik-Firma von … OB Peter Rosenberger (links) und OB Boris Palmer (rechts) zu Gast in der Solartechnik-Firma von Artur Deger.
Bild: ael

Horb. Als die „Energie Horb am Neckar GmbH“, die der Stadt Horb und den Stadtwerken Tübingen gehört, den Solarpark „Reute“ bauen wollte, bekam „Deger Energie“ nicht den Zuschlag. Das sorgte bei Firmen-Chef Artur Deger für Unmut. Die Führung der Energie GmbH begründete die Vergabe an einen anderen Anbieter mit den kommunalen Vergaberichtlinien: Das Preis-Leistungs-Verhältnis des Mitbewerbers sei besser gewesen. Und in der Ausschreibung war es den Bietern überlassen worden, ob sie starr montierte Solartechnik anbieten oder variable Systeme.

Für den Grünen-Oberbürgermeister Palmer zählen jedoch nicht nur betriebswirtschaftliche Aspekte bei der Investition und bei der Strom-Einspeisung, sondern auch Gesichtspunkte einer bedarfsgerechten Stromversorgung. Nachdem er den Imagefilm von Deger gesehen hatte, stellte er fest: „Das ist eine Technologie mit Stromnetz-Entlastungseffekt.“ Denn die Deger-Sensoren, welche die Solarzellen so schwenken und drehen, dass sie am meisten Lichtenergie aufnehmen, speisen im Unterschied zu starren Systemen nicht um die Mittagszeit herum für relativ kurze Zeit sehr viel Strom ins Netz ein, sondern sie liefern bereits vormittags und bis in den Abend hinein vergleichsweise hohe Erträge. Folglich wird der Strom gleichmäßiger ins Netz eingespeist. „Das leuchtet sofort ein, wenn man die Kurve sieht“, sagte Palmer beim Anblick eines Diagramms. „Mir war das bis vor zehn Minuten nicht klar, wie groß der Unterschied ist“ – der Unterschied zu starren Systemen wie in Nordstetten. „Es gibt nur eine Lösung: Wir müssen in der Ausschreibung sagen, dass Nachführsysteme vorausgesetzt werden.“ Das will Palmer seiner Stadtwerke-Führung vorschlagen und damit „aus der Vergangenheit lernen“.

Und noch eine Idee begeisterte den Grünen: Der Technische Leiter von Deger Energie, Andreas Schwedhelm, regte eine Doppelnutzung von Feldern an, auf denen Energiepflanzen angebaut werden, indem sie mit Deger-Trakern bestückt werden. Das sind die „Solarbäume“, deren Solarmodule sich nach der Sonneneinstrahlung beziehungsweise nach dem Tageslicht ausrichten. Sie sitzen auf Stahlpfosten so hoch, dass darunter maschinell gesät, gedüngt und geerntet werden kann. Manche Pflanzen würden unter diesen wechselhaft schattigen Verhältnissen sogar besser gedeihen, als ohne Deger-Treker darüber, erklärte Vertriebs-Ingenieur Simon Hänel – Zuckerrüben zum Beispiel.

Palmer stellte fest: „Da sind Sie in der Tradition von Vater Schiller.“ Der Vater des Dichters habe den Obstbau revolutioniert, indem er Hochstämme eingeführt habe, aus denen die 200-jährige Kultur der Streuobstwiesen entstanden sei. Dieses Zwei-Etagen-Prinzip biete auch Deger. „Das würde wunderbar zu Baden-Württemberg passen“, meinte der Tübinger OB.

Nach wie vor scheitert dieses Deger-Konzept im Freiland aber am Baurecht: Jenes unterscheidet nicht zwischen starren und beweglichen Solaranlagen – es nimmt generell eine Flächenversiegelung an, die nur bedingt zulässig ist. Obwohl die damalige Landes-Umweltministerin Tanja Gönner und EU-Energiekommissar Günther Oettinger bei Deger-Besuchen mit dem Problem konfrontiert worden seien, habe sich nichts geändert, stellte der Horber OB Peter Rosenberger fest. Dabei könnten „Solarfelder“ mit Nachführtechnik sogar helfen, den Strompreis zu senken, rechnete Simon Hänel vor. Für solche Freiland-Anlagen gebe es eine Einspeisevergütung von 12,8 Cent pro Kilowattstunde, während der durchschnittliche Preis aller Stromarten bei 14 Cent liege.

Derweil kämpft Deger mit den sinkenden Preisen der Fotovoltaikmodule. Sie seien in den vergangenen 18 Monaten „extrem runtergegangen“, berichtete Firmen-Chef Artur Deger, so dass der Vorsprung der Nachführtechnik gegenüber starren Systemen kleiner geworden sei. Der Vergleichswert ist, wie viel die Produktion einer Kilowattstunde Strom vom Investitionswert her kostet. Boris Palmer kannte das Problem der sinkenden Preise: „Man kann die Solaranlagen auch dumm aufstellen und es kommt immer noch Geld dabei raus.“ Er rechne jedoch perspektivisch mit einem Preisanstieg. Denn gegenwärtig würden chinesische Solarmodule so stark subventioniert, dass sie zur halben Summe der Herstellungskosten verkauft würden. Das werde nicht lange so funktionieren, meinte Palmer.

An der aktuellen Lage für Deger ändert das allerdings nichts: Artur Deger berichtete von einem Umsatzrückgang von 30 bis 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das Unternehmen sei jedoch relativ flexibel, da es nur 60 Mitarbeiter beschäftige. Es lasse einen Großteil der Produkte von Handwerks- und mittelständischen Betrieben fertigen, so dass „die meisten Kosten variabel sind“, erklärte der Inhaber. Wenn weniger Aufträge hereinkommen, gehen automatisch auch weniger Aufträge an die Partner-Unternehmen – wobei darauf geachtet werde, dass sie nicht überwiegend für Deger arbeiten, um in solchen Phasen nicht automatisch in existenzielle Schwierigkeiten zu geraten. Denn Markt-Schwankungen habe es in der Vergangenheit immer wieder gegeben, sagten Artur und Anita Deger. Wenn Staaten die Investition in Solartechnik attraktiv machten, steige die Nachfrage – werde die Förderung eingestellt oder die Einspeisevergütung massiv verringert, breche die Nachfrage ein. So geschehen vor ein paar Jahren auf dem spanischen und auf dem luxemburgischen Markt.

Aufgrund der relativ gleichmäßigen Stromproduktion im Tagesverlauf setzt Deger Energie neuerdings auf ein Technik-Paket, mit dem sich Privathaushalte zu 80 bis 90 Prozent mit selbst produziertem Strom versorgen können sollen. Deger-Traker werden mit Batterien und einem Warmwasser-Pufferspeicher kombiniert – dieses System bekamen die OBs Palmer und Rosenberger präsentiert. Um auch noch die letzten zehn Prozent des Eigenbedarfs mit eigenem Solarstrom decken zu können, wäre eine fast doppelt so hohe Investition notwendig, sagte Artur Deger. Palmer stellte fest: „Das ist der Teil des Marktes, den Sie für die Stadtwerke übrig lassen.“ Der OB dachte laut darüber nach, dass eine Kooperation der Tübinger Stadtwerke mit einem Systemhersteller wie Deger Sinn machen könnte – indem der Verkauf der Solarstrom-Selbstversorger-Technik mit einem Vertrag für die verbleibende Stromversorgung gekoppelt werde. Das mache ein neues Tarifgefüge notwendig, weil die Netzkosten ja dieselben blieben, merkte Boris Palmer an. Artur Deger ging davon aus, dass 30 bis 50 Prozent der Haushalte die Möglichkeit hätten, sich weitgehend selbst mit Solarstrom zu versorgen.

Andreas Ellinger, Südwest Presse Horb, Horber Chronik

Mittwoch

31

Oktober 2012

Publikation:
Südwest Presse

 

Ressort:
Horb