Andreas Ellinger

JOURNALISMUS IN WORT UND BILD

Flugexperte aus Dettensee

Veröffentlicht in: Arbeitswelt, Porträts

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Norbert Oswald war nach dem Flugzeug-Unglück in Überlingen — und ist der Stuttgarter Tower-Chef

 

Norbert Oswald ist Tower-Chef am Stuttgarter Flughafen. Die Öffentlichkeit bekommt von seiner Arbeit normalerweise wenig mit. Nach dem Flugzeug-Unglück bei Überlingen hat sich das geändert. Der Dettenseer war und ist als Experte für Flugsicherung gefragt.

Stuttgart/Dettensee. Im Stuttgarter Flughafen-Tower gehen die Uhren anders. Die Fluglotsen orientieren sich an einer Zeit, die international festgelegt ist — wie so vieles. „Es gibt nichts, was nicht reglementiert ist“, sagt Norbert Oswald. Eine Verkettung unglücklicher Umstände habe zu dem Flugzeug-Unglück bei Überlingen geführt, sagt er. „Es ist unvorstellbar, wie viele Dinge da schief gegangen sind.“ Der Dettenseer war an der Absturzstelle am Bodensee. Ihm bot sich ein grausiges Bild. Er sah Leichenteile — von Passagieren, denen es die Kleider vom Leib gerissen hatte.

Norbert Oswald aus Dettensee vor dem Stuttgarter Tower. Bild: A. Ellinger

Norbert Oswald aus Dettensee vor dem Stuttgarter Tower. Bild: A. Ellinger

Die Stuttgarter Fluglotsen sitzen in einem 35 Meter hohen Turm — dem Tower — der in Bernhausen bei Filderstadt steht. Sie haben das gesamte Rollfeld des Flughafens im Blick. Ferngläser und Radar sorgen für zusätzlichen Weitblick. Auf den Monitoren bewegen sich farbige Leuchtpunkte. Sie machen beispielsweise auf der computerisierten Startbahn immer größere Sprünge, ehe eine Maschine abhebt, ein Punkt verschwindet und direkt daneben auf dem Radarschirm erscheint — mit einem Kenn-Code für das Flugzeug, seiner Höhe und seiner Geschwindigkeit.

Die Stuttgarter Tower-Lotsen kontrollieren den Luftverkehr 30 Kilometer weit um den Flughafen herum und bis zu einem Kilometer darüber. Auf Flieger-Karten ist eine Schutzzone eingezeichnet, die wie ein Schuhkarton von oben aussieht. In dem Bereich dürfe nicht einmal ein Kinder-Luftballon starten, sagt Norbert Oswald. Drumherum sind zwei weitere Zonen ausgewiesen, in die niemand ohne Genehmigung hineinfliegen darf. Auf einem der Radarschirme im Stuttgarter Tower ist der gesamte Luftverkehr über Baden-Württemberg zu sehen — einschließlich der Sportflugzeuge.

Den Verkehr im Kopf haben

15 Jahre lang hat Norbert Oswald als Tower- und Approach-Lotse gearbeitet. Approach-Lotsen sind für die An- und Abflug-Kontrolle zuständig. Der 49-Jährige aus Dettensee hat das Geschäft noch gelernt, als auf den Radarschirmen nur Leucht-Punkte zu sehen waren. Per Funk musste er die Piloten anweisen, mal eine Rechts- oder Linkskurve zu fliegen, um sie identifizieren zu können. Welcher Punkt welches Flugzeug ist, mussten sich die Lotsen merken. Die Technik erleichtert heute vieles. „Aber wenn das Radar ausfällt, muss man den Verkehr im Kopf haben“, sagt Norbert Oswald.

1997 ist er ins Management gewechselt. Als Stuttgarter Tower-Leiter ist er in die „Weiterentwicklung des Gesamtunternehmens“ eingebunden. Das Unternehmen ist die DFS Deutsche Flugsicherung GmbH mit mehr als 5000 Mitarbeitern. Sie war bis 1992 eine Bundesanstalt. Als GmbH ist sie in Bundesbesitz, weil sie hoheitliche Aufgaben erfüllt.

Wettbewerb um Flugsicherung

Eine Privatisierung im eigentlichen Sinne könnte durch eine Verordnung der Europäischen Union ausgelöst werden. Nach ihr sollen funktionelle Luftraum-Blöcke entstehen, die sich an Verkehrsströmen und nicht mehr an Länder-Grenzen orientieren. Oswald vermutet, dass manche Dienstleistungen auf mehrere Flugsicherungs-Anbieter verteilt werden könnten — wobei Kontrolltürme eher dem Wettbewerb unterlägen als Kontrollzentralen.

Den Luftverkehr zwischen den Flughäfen koordinieren überregionale Center. Die An- und Abflugkontrolle für Baden-Württemberg wird beispielsweise vom hessischen Langen aus erledigt. Für Flugzeuge, die im Oberen Luftraum (über 24.500 Fuß) fliegen, sind Lotsen in Frankfurt am Main zuständig.

Die Routen, auf denen die Maschinen den Flughafen verlassen, müssen alle paar Jahre geändert werden. Dafür ist der Tower Stuttgart ebenfalls zuständig. Derzeit fliegen Propeller-Maschinen nach dem Start auf Bahn 25 beispielsweise erst eine Links- und dann eine lang gezogenen Rechtskurve Richtung Sulz, um auf eine von drei Spuren der „Nord-Süd-Autobahn“ für Flugzeuge zu gelangen.

Die Nord-Süd-Verbindung führt auch über Horb hinweg. Die abfliegenden Maschinen seien täglich zu hören, sagt Norbert Oswald. Er wohnt seit 1982 in Dettensee. Über Horb fliegen die Maschinen mindestens 10.000 Fuß hoch. Das entspricht rund drei Kilometern. Flugzeuge, die in Stuttgart nicht zwischenlanden, sind höher unterwegs. Das spart Treibstoff.

Wer mit Norbert Oswald durch das Stuttgarter Tower-Gebäude läuft, erlebt, in was für einem kollegialen Ton er mit seinen Mitarbeitern umgeht. Er ist ein Chef, der vor 1997 die Interessen seiner Kollegen vertreten hat — als Vorsitzender des DFS-Gesamtbetriebsrats. Heute ist er — auch das gehört zu seinen Aufgaben — Sprecher des Flugsicherungs-Sektors, zu dem außer Stuttgart die Flughäfen Berlin-Tegel, Hamburg, Hannover, Köln, Düsseldorf und Nürnberg gehören. Norbert Oswald muss in seinem Beruf viel reisen, weshalb ihm spaßig aufgelegte Mitarbeiter den Titel „Nie-da-lassungsleiter“ verpasst haben.

Andreas Ellinger, Südwest Presse Horb, Horber Chronik

Samstag

3

August 2002

Publikation:
Südwest Presse

 

Ressort:
Horb