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Andreas Ellinger

JOURNALISMUS IN WORT UND BILD

Verfahrensmechaniker als Kunststoff-Künstler

Veröffentlicht in: Arbeitswelt, Reportagen

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Ein Ausbildungsgang der Oberwaldacher Firma „Cristallux“ / Wenn eine Schiffs-Lampe zum Blumenmeer wird

 

Acryl und Polycarbonat sind Kunststoffe. Beide sind weiß und sehen auch sonst gleich aus. Um sie verformen zu können, müssen sie aber unterschiedlich erhitzt werden. Wer bei der Waldachtaler Firma „Cristallux“ eine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker macht, muss daher lernen, wie Kunststoffe sich anfühlen, riechen und klingen.

Oberwaldach. Im Atrium des Luxus-Schiffes „Pride of Hawaii“ besteht die Decke aus einem 80 Quadratmeter großen Blumenmeer. Es handelt sich um einen Lampenschirm aus Kunststoffen, von einem 20-Mitarbeiter-Betrieb in Oberwaldach gefertigt – der Firma „Cristallux“ von Thomas Schindler. Wer bei ihm eine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker macht, der muss lernen, wie Kunststoffe zu filigranen Werken gemischt, geformt, gefräst und gesägt werden.

Dennis Reitz macht bei der Oberwaldacher Firma „Cristallux“ eine Ausbildung zum „Verfahrenstechniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik“. Bild: A. Ellinger

Dennis Reitz macht bei der Oberwaldacher Firma „Cristallux“
eine Ausbildung zum „Verfahrenstechniker für Kunststoff-
und Kautschuktechnik“.
Bild: A. Ellinger

Dennis Reitz ist einer der „Cristallux“-Azubis. Der 18-Jährige ist seit kurzem im zweiten Lehrjahr. Beim Besuch der SÜDWEST PRESSE war er gerade dabei, aus Kunststoff-Platten Lampenschirme zu formen. Was nach einer Serienfertigung für futuristische Nachttischlampen aussah, soll zu einem 2,20 auf sieben Meter großen Leuchter zusammengefügt werden, der aus 168 Lampenschirmen bestehen wird und das Casino eines Kreuzfahrt-Schiffes erhellen soll.

Um Kunststoffe kunstvoll formen zu können, muss man um ihre Vorzüge und Tücken wissen. Polycarbonat lasse sich beispielsweise gut biegen, ohne dass es platzt, erklärt Dennis Reitz. Allerdings gehe es oft nicht mehr von der Form runter. Am liebsten arbeitet der Auszubildende mit Polysterol. Dieser Kunststoff muss nicht großartig erhitzt werden, um ihn formen zu können, erklärt er – Polysterol sei insgesamt einfach zu verarbeiten. Es ist der Hauptwerkstoff von „Cristallux“. Die Firma lässt das, was im Volksmund Plastik genannt wird, so aussehen, als sei es durchsichtiger Marmor oder gar kristalliner Halbedelstein. Im Vergleich zu jenen Konkurrenz-Betrieben, die mit Glas arbeiten, birgt das mindestens einen Gewichts-Vorteil.

Ein „Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuk-Technik“ begleitet große Teile des Fertigungs-Prozesses bei Cristallux. Das fängt bei den Kunststoff-Mischungen an und geht über die Herstellung des plattenförmigen Ausgangsmaterials bis hin zu verschiedenen Formungs-Verfahren. Verformt wird zwei- und dreidimensional. Gearbeitet wird beispielsweise mit CNC-Maschinen. Sie müssen von Verfahrensmechanikern programmiert und bedient werden. Und wenn mal ein Spezial-Fräskopf fehlt, muss der Verfahrensmechaniker mit kühlender Druckluft manuell eingreifen. So gelte es, erlerntes Fachwissen praktisch anzuwenden, sagt Cristallux-Chef Thomas Schindler. Und darauf legt er allergrößten wert. „Der Mann als solcher – wie er ist und was er kann –“ sei ihm viel wichtiger als „irgendwelche Zettel“, die theoretisches Wissen belegen – aber nicht, ob die Person dieses Wissen sinnvoll anwenden kann. Eine Meister-Stelle in seinem Betrieb hat Schindler mit einem Mann besetzt, der nicht einmal eine Ausbildung gemacht hat. Er hat den Unternehmer mit seinem Können überzeugt.

Um Mitarbeiter nach seinen Vorstellungen zu bekommen, bildet Thomas Schindler aus: „Cristallux ist so einzigartig, dass man gar keine fertigen Leute finden kann.“ Bei ihm gibt es in der Legerei einen Beruf, für den es zwar keine Ausbildung gibt – die Anlern-Zeit aber so lange dauert wie manche Ausbildung: Zwei Jahre. Die heiße Kunststoff-Schmelze muss von Hand in ein Werkzeug modelliert werden – ein Verfahren, über das Schindler sagt: „Das habe ich sonst noch nirgends in der Welt gesehen.“

Wer bei Cristallux den Beruf des Verfahrensmechanikers lernt, eignet sich mehr Wissen an, als es für diesen Beruf typisch ist – zum Beispiel im Werkzeugbau. Dort lernen die Azubis mit Holz, Metall und Harz umzugehen. Wichtig ist nicht nur, was der Ausbildungsplan vorschreibt, sondern was für die tägliche Produktion wichtig ist – ganz im Sinne von Schindlers Praxis-Orientierung.

Nach drei Jahren muss ein fertig ausgebildeter Verfahrensmechaniker wissen, was beim Formen, Sägen, Schneiden, Fräsen und Stanzen verschiedener Kunststoffe zu beachten ist. Und wenn ein Lampenschirm mit einer Metall-Aufhängung zur fertigen Lampe wird, kommt es auch aufs Schweißen, Nieten und Kleben an.

In der Theorie haben Verfahrensmechaniker-Azubis viel mit Mathematik und Chemie zu tun. Es müssen Mischverhältnisse und Formen berechnet und Kunststoff-Zusammensetzungen bestimmt werden. Einen Realschul-Abschluss hält Thomas Schindler daher für dringend nötig – oder wenigstens einen Hauptschul-Abschluss mit zusätzlicher Berufsvorbereitung.

Die Chemie sei ein Schwerpunkt in der Berufsschule, sagt Dennis Reitz. Er hat Block-Unterricht – 10 bis 12 Wochen pro Ausbildungsjahr. Einen Monat lang lernt er übrigens die Spritzguss-Technik in einem anderen Betrieb kennen. Das ist die Fachrichtung, in der rund 95 Prozent der Verfahrensmechaniker schwerpunktmäßig ausgebildet werden, wie der Cristallux-Chef sagt. Seine Azubis können zwischen der Fachrichtung „Formteile“ und der komplizierteren „Extrusion“ (Formungs-Verfahren für Kunststoffe) wählen.

Einem Verfahrensmechaniker steht später die berufliche Weiterbildung offen. Thomas Rohloff, einer der ersten Azubis dieser Berufsgruppe von Cristallux, macht derzeit „den Technischen Fachwirt“. Er ist als Allrounder ein Leistungsträger im Unternehmen.

Längst haben Architekten die Vielseitigkeit der Oberwaldacher Kunststoff-Schmiede und ihrer Verfahrensmechaniker entdeckt. Neben der klassischen Beleuchtung fertigt Cristallux derzeit beleuchtbare Weinregale für ein Kreuzfahrtschiff. Hinzu kommen Spiegel-Rückwände für die hotelartigen Schiffs-Zimmer.

Aber auch vergleichsweise schnörkellose Tankstellenschilder gehören zum Sortiment – denn auch sie sollen auffallend beleuchtend werden.

 

Eine Bildungs-Initiative der Pforzheimer IHK

Pforzheim. „Wirtschaft bildet – unsere Zukunft“ – diesen Slogan hat die IHK Nordschwarzwald zu ihrem Jahresthema erklärt. Dabei hat die Industrie- und Handelskammer ein spezielles Augenmerk auf technische Berufe gelegt. Fünf Ausbildungsgänge hat sie herausgegriffen, für die sie besonders wirbt – die Ausbildungen zum Mechatroniker, zum Elektroniker für Geräte und Systeme, zum Werkzeugmacher, zum Verfahrensmechaniker in der Hütten- und Halbzeugindustrie und zum Goldschmied, wobei auch andere Schmuckberufe im Fokus sind.

 

Andreas Ellinger, Südwest Presse Horb, Landkreis Freudenstadt

Samstag

15

November 2008

Publikation:
Südwest Presse

 

Ressort:
Kreis