Follow us

Andreas Ellinger

JOURNALISMUS IN WORT UND BILD

Mit Volz ins Gericht gehen

Veröffentlicht in: Kommentare, Wirtschaft

Print Friendly

Eines hat der erfolgreiche Bildechinger Filter-Fabrikant Manfred Volz sogar dem berühmten Gottlieb Daimler voraus: Schon zu Lebzeiten ist ein Fußball-Stadion nach ihm benannt.

Der 73-jährige Volz hat eine Bilderbuch-Karriere hinter sich: vom Garagen-Tüftler zum Millionär. Mit seiner Frau hat er eine Firma aufgebaut, die teilweise mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigt hat. Aus dem Startkapital von 5000 Mark hat sich ein Geschäft entwickelt, dessen Jahresumsatz bis zu 45 Millionen Euro betragen hat. Wenn andere Betriebe in der Krise steckten, hat der Mittelständler investiert und neue Leute eingestellt. Selbst die Klima-Anlage des Bundestags war zeitweise mit Volz-Filtern bestückt. Bis vor wenigen Monaten galt der Senior-Chef, der mit der Wirtschaftsmedaille des Landes ausgezeichnet worden ist, als lebendes Unternehmer-Denkmal.

Völlig überraschend hat sich dieses Denkmal selbst vom Sockel gestürzt. Wer Manfred Volz für seine unternehmerische Lebensleistung bewundert und geschätzt hat, muss fassungslos mit ansehen, wie er sein Image in Scherben schlägt – tatkräftig unterstützt von seinem Sohn Rainer und anderen Führungskräften. Die Firma ist Stammgast auf der Beklagten-Bank des Arbeitsgerichts Pforzheim – in Folge von Kündigungen und Änderungs- Kündigungen. Womöglich muss Volz im Gegenzug bald eine neue Stelle schaffen – für einen Außendienstmitarbeiter, der die vielen Gerichtstermine wahrnimmt.

Betriebs-Big-Brother durch Video-Überwachung am Arbeitsplatz, Chipkarten-registrierte Toiletten-Besuche, der Rauswurf von „Fußkranken“, Löhne auf Hartz-IVLevel, Überstunden-Forderungen und der Kampf gegen eine demokratische Mitarbeiter-Vertretung haben das Betriebs-Klima so vergiftet, dass sich mancher Arbeiter in einer „kleinen Diktatur“ wähnt.

Dafür verantwortlich ist ein Unternehmer, der vor knapp zehn Jahren als so sozial galt, dass er es als Musterbeispiel ins Fernsehen geschafft hat. Seine Referenzen waren ein hoher Migranten-, Behinderten- und Frauenanteil in der Belegschaft, Arbeitsplätze für Menschen ohne Ausbildung sowie viele Teilzeit-Jobs für Mütter. Bei einem Landeswettbewerb zur Gleichstellung von Mann und Frau belegte die Filter-Firma den vierten Platz.

Aus heutiger Sicht drängt sich der Verdacht auf, dass dieser positive Eindruck fälschlicher Weise entstanden sein könnte. Volz hatte immer wieder über Probleme geklagt, Arbeitskräfte zu finden… – und nach dem jüngsten Kapitel der Firmen-Geschichte dürfte er es noch schwerer haben. Möglicher Weise waren und sind eben vorwiegend Ungelernte, Migranten, Behinderte und Mütter (notgedrungen) bereit, zu den Volz‘schen Bedingungen zu arbeiten – weil sie sonst auf dem Arbeitsmarkt kaum eine oder keine Chance haben.

Filter-Volz hat kürzlich immerhin indirekt etwas für einige seiner Mitarbeiter getan, indem er die Horber „Vesperkirche“ mitfinanziert hat. Dieses Angebot richtet sich unter anderem an Geringverdiener- Familien… Vor diesem Hintergrund sollte Manfred Volz es sich gut überlegen, ob er in diesem Jahr – wie angekündigt – eine Stiftung für soziale Zwecke in Horb gründet, oder er das Geld nicht direkt seiner Belegschaft zukommen lässt. Und wenn er den FC Horb unterstützen will, kann er das auch tun, indem er Löhne bezahlt, von denen seine Leute ihren Kindern problemlos eine Vereinsmitgliedschaft bezahlen können.

„Zufriedene Leute leisten mehr “ – das hat Manfred Volz schon vor fünf Jahren gewusst. Und das steht im Widerspruch zu dem Demotivations-Programm, das er seiner Belegschaft in den vergangenen Monaten verordnet hat. Unter dem Aspekt, dass Mitarbeiter das „Humankapital“ einer Firma sind, verwundert der Umgang mit ihnen noch mehr: Sie sollen mit Existenzangst gefügig gemacht werden. Aber Angst lähmt und kann unproduktiv machen. Manfred Volz scheint noch nicht erkannt zu haben: Für diesen Kapitalverlust gibt es nicht mal Abschreibungs-Möglichkeiten…

Andreas Ellinger, Südwest Presse Horb, Horb

Montag

12

April 2010

Publikation:
Südwest Presse

 

Ressort:
Horb