Andreas Ellinger

JOURNALISMUS IN WORT UND BILD

Johnny und Co. trafen den richtigen Ton

Veröffentlicht in: Rock-Blog

Print Friendly

17 Bands und Solisten am Weekend: WOgen der Begeisterung trotz WOlkenbrüchen

 

„Mindead“-Metaller und „Weekend“-Rapper haben am Freitag und Samstag das „WO?! Festival“ in Oberboihingen gerockt. Die musikalischen Welten, die zwischen diesen Headlinern lagen, gab‘s ebenfalls zu hören: Vom Elektro-Pop bis zum Dampfhammer-Crossover ging der Punk ab.

Oberboihingen. Trotz Niederschlägen nicht niedergeschlagen: Die Bands und Solo-Künstler ließen die jeweils rund 500 Besucher an beiden Konzerttagen nicht im Regen stehen… – sondern tanzen und toben. Trotz WOlkenbrüchen war das Festival alles andere als ein Schlag ins Wasser!

Das rund 15-köpfige Organisations-Team, das den Jugendhäusern Boing (Oberboihingen) und Zentrum Neuffenstraße (Wendlingen) entwachsen ist, wurde von den Musikern mit Lob überschüttet – und die Konzert-Gemeinde machte mit. Sogar eine Art Festival-Hot-Spot war eingerichtet. Wer sich in Regenphasen ins Auto zurückzog, konnte via Smartphone die „WO?!“-Homepage aufrufen und dank einer App sehen, welche Gruppe gerade spielt. Ein Bauwagen avancierte zum Tonstudio, in dem Hip-Hop-Fans einen Festival- Rap aufnehmen konnten. Tiefstpreise an den Verpflegungsständen taten ein Übriges: WO gibt’s heute noch Schnitzelwecken für Zweifuffzig?

Vor allem aber gab es pausenlos auf die Ohren, weil das 40- bis 50-köpfige Helfer-Team zwei Bühnen auf dem Skaterplatz aufgebaut hatte. Irgendwie konsequent, nachdem das „WO?! Festival“ vor fünf Jahren aus zwei Bühnen-Spektakeln entstanden ist und somit ein erstes kleines Jubiläum feierte. Seinerzeit war das Wendlinger Indie-Open mit dem Boinger Open-Air (BOA) verschmolzen. W(endlingen) und O(berboihingen) fusionierten zum neuen Namen und seither stellt sich Jahr für Jahr die Frage, WO die Party steigt? Das Fragezeichen hätte heuer besonders groß ausfallen müssen, denn eine Baustelle stand dem turnusmäßigen Wechsel nach Wendlingen im Wege, wie Christof Georgi und Jürgen Hauk von den Jugendhäusern „Zentrum Neuffenstraße“ und „Boing“ berichteten, die offiziell als Veranstalter verantwortlich zeichneten.

Nicht nur des gemeindeübergreifenden Charakters wegen ist das Festival ein Integrations- und Toleranz-Projekt. Denn WO sonst werden Pop, Rock, Hardcore, Punk, Metal und Hip-Hop bei einer Veranstaltung gespielt und von ein und demselben Publikum gefeiert? Die verdammt bürgerlich aussehenden Stuttgarter Punk-Rocker von „Hell & Back“ setzten inhaltlich noch einen drauf, indem sie Wind gegen Homophobie, Sexismus, Faschismus und Rassismus säten – und dafür einen Sturm der Begeisterung ernteten. Auch Johnny Ton gab zwischen schmachtenden Liebesliedern und packenden Deutschrock-Songs die Parole aus: „Alerta, Alerta – Antifascista.“

„Gesicht zeigen“ wollten – abseits der politischen Dimension – aber nicht alle. Mit „Art Against Agony“ aus Wendlingen trat ein Quartett mit kunstvoll maskierten Gitarristen auf, die ihren experimentellen Metal als rein instrumentales Klangerlebnis zelebrierten. Das war ein Schauspiel! Die Kostümierung reichte vom weißen Hemd mit Schlips bis zum War-Painting, das Theo Deuschle auf seinem entblößten Oberkörper zur Schau stellte. Der Gitarrist war kaum wiederzuerkennen, als er tags darauf mit „The Scouts“ rockige bis poppige Evergreens coverte, so dass trotz des wechselhaften Wetters Lagerfeuer-Romantik aufkam.

Eine weitere Wendlinger Gruppe hatte „melodischen Gesang“ angekündigt, „der Seinesgleichen sucht“ – und damit nicht zuviel versprochen: „Helena Calls Back“ hörten sich an, als würde Kurt Cobain AC/DC-Songs singen. Das war groovig-grungiger Hard-Rock vom Allerfeinsten!

Als samstäglicher Opener hatten zuvor „Soundbite“ bewiesen, dass sie ihre Festival-Teilnahme beim „WO?! Contest“ im Februar zurecht gewonnen haben. Die Newcomer um Frontfrau Isa Wanner boten Songs mit balladeskem Einschlag, aus denen teilweise Hymnen werden könnten.

Schon zum Auftakt am Freitag sorgte die vermutliche jüngste Band dafür, dass der Punk abgeht – „Way To Emptiness“. Ein relativ kurzer Auftritt reichte später „Younger Us“, um ohrenscheinlich den geballten Zorn der Welt herauszuschreien, das Schlagzeug zu verdreschen und die Gitarrensaiten auf die Zerreißprobe zu stellen. „Emily Still Reminds“ holte danach das Publikum vor die Bühne. Die Rock-Fans durften ein Lied mitgrölen, das sich wie der heimliche Titelsong des Festivals anhörte: „WO-ooo-ooo, WO-ooo-ooo,…“ Bei „Hell & Back“ bildeten dann die unerschrockensten Pogo-Tänzer zum ersten Mal zwei Fronten, um aufeinander loszustürmen: Das Zusammentreffen an einer imaginären „Wall Of Death hinterließ bestenfalls blaue Flecken.

„Mindead“ lieferte zum Abschluss des ersten Konzerttags melodischen, aber brettharten Metal mit fetten Gitarren, druckvollen Drums und kernig-kehligen Vocals. Die Stuttgarter spielten einen Nackenbrecher nach dem anderen, so dass die Mähnen kreisten – allen voran die Dreadlocks von Basser „Bene“. Ventilatorenmäßig. Die Regenwolken waren plötzlich wie weggeblasen.

Die Umbau-Pausen auf der Hauptbühne überspielten Künstler mit ruhigeren Klängen auf der vorgelagerten Stage. Als da wäre der singende Gitarrist Kilian Mohns, der unter anderem bluesige und schnulzige Stücke intonierte. Hinzu kam die Elektro-Popperin Lea LaDoux. Am zweiten Tag übernahmen diesen Part drei klampfende und trommelnde Pfadfinder („The Scouts“) sowie die Rock-Popper von „Learning From Larry“. Deren Sänger Jogi stellte die Scherzfrage des Tages: „Steht Ihr auf Bier?“ Auf das „Ja“ seiner Zuhörer erklärte er: „Mein Keyboard auch.“ Zwei Bier-Fässer dienten ihm als Ständer.

Auf der Hauptbühne standen am Samstag „Beyond Skies“ für energiegeladenen Party-Rock, sogar ein balladesker „Love Song“ animierte zum Hüpfen. „Shove It“ erprobten mit unerbittlich derbem Crossover die Belastbarkeit der Boxentürme und der Bühnenbretter. Denn selbst der Basser, dessen Spezies gemeinhin als introvertiert gilt, tobte sich in einer Weise aus, dass Rumpelstilzchen vergleichsweise phlegmatisch gewirkt hätte. Johnny Ton aus Stuttgart sorgte hingegen mit gefühlvollem Deutschrock und einer gehörigen Portion Herz-Schmerz dafür, dass manches Mädel auch in der Regenpause feuchte Augen bekam.

Die Hip-Hop-Formation „Dreiblatt“ lud zwischendurch mit „Funky Shit“ zum Tanze und bereitete mit Texten voller Witz und Selbstironie den Boden für den Top-Act dieses zweiten Abends: „Weekend“. Wochenend-Rapper Christoph hatte noch die Kollegen Emkay und Dobbo zur Battle geladen, wobei nur just-for-fun gedisst wurde. Das ist Hip-Hop, der mit Gewalt verherrlichendem Gangsta-Rap nichts zu tun hat. „Weekend“ macht keine dicken Muskeln – das lässt schon der Titel „Muskeln sind hässlich“ erahnen. Christoph und Co. versetzten ihr Publikum in allergrößte Feierlaune: Da blieben selbst in Regenphasen die Hände oben und die Schirme unten.

Andreas Ellinger

Eine Version dieses Textes erschien in der Nürtinger Zeitung.

Siehe auch die Bilder-Galerien auf www.topppix.de.

 

Dienstag

13

Mai 2014

Publikation:
Nürtinger Zeitung

 

Ressort:
Oberboihingen