Andreas Ellinger

JOURNALISMUS IN WORT UND BILD

„Wer ist stärker?“

Veröffentlicht in: Berichte, Gesellschaft

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Nicht nur Abhängige, sondern auch ihre Angehörigen kämpfen mit der Sucht / Gottesdienst am 17. Februar in Horb

 

„Auf die mehr als 2,6 Millionen Kinder, die in Deutschland unter einem Suchtproblem ihrer Eltern leiden“, wollen drei Organisationen vom 10. bis 16. Februar aufmerksam machen. In Horb beteiligt sich die „Angehörigengruppe“ der Diakonie an der Aktionswoche – mit einem Gottesdienst am Sonntag, 17. Februar, um 18 Uhr in die Johanneskirche. Das Motto lautet: „angehörig – zugehörig“.

Horb. Während sich andere nach Feierabend „auf ein paar Bier“ in die Kneipe setzen, treffen sich jeden zweiten Mittwoch, um 20 Uhr, rund zehn Angehörige von Suchtkranken oder ehemaligen Abhängigen bei der Diakonie, in der Horber Neckarstraße29. Stammgast ist auch ein gut gelaunter Rentner – er war selbst alkoholabhängig. „Wer den Schritt hier rein macht“, erklärt er den Vertretern der Horber Tageszeitungen, „hat schon einen Riesenschritt gemacht.“

Was in dieser Runde besprochen wird, bleibt vertraulich und im Falle des Pressegesprächs folglich anonym. Das gegenseitige Vertrauen hat die Selbsthilfegruppe zu einer Art Freundeskreis zusammenwachsen lassen, zu dessen Selbstverständnis es gehört, für neue Mitglieder offen zu sein. Als Gastgeberin fungiert Diplom-Sozialarbeiterin Susanne Henning. „Hier herzukommen, ist schon eine Überwindung“, sagt ein Frau, die längst Vertrauen gefasst hat. „Man muss sich überwinden, sich zu öffnen.“ Schuldgefühle plagen manche Betroffenen.

Eine Frau erzählt, wie ihr früherer Lebensgefährte immer wieder mit ihr Streit angefangen hat, teilweise sogar gewalttätig wurde. „Da denkst Du oft, irgendwas machst Du falsch…“ Der Streit gehörte jedoch zum Suchtverhalten des Mannes, wie sie gelernt hat. Denn Streit war der Vorwand, um wütend das Haus verlassen zu können – in Richtung Kneipe. Seine ehemalige Partnerin erinnert sich noch gut, wie sich das angefühlt hat: „Du schämst Dich dann auch ein Stück weit…“

Diese Scham ist bei ihr der Lebensfreude gewichen. Ihre Beziehung hat den Alkoholmissbrauch aber nicht überlebt. Genauso wie die Süchtigen nähern sich die Angehörigen einem Tiefpunkt – irgendwann können sie nicht mehr. Eine Frau erzählt: „Ich habe meinem Mann Salz und Essig in den Wein geschüttet… Das hat alles nichts gebracht.“ Die Sucht dominiert zunehmend das Leben der Abhängigen und der Angehörigen.

Hilfestellung, wie diese Co-Abhängigkeit überwunden werden kann, gibt es in der Angehörigen-gruppe, wobei der einzige Herr an diesem Abend betont: „Man kriegt nicht perfekte Ratschläge, sondern Denkanstöße. Man soll sich Gedanken machen: Was tue ich?“ Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Susanne Henning rät ihren Gästen beispielsweise, sich wieder mehr um sich zu kümmern. „Ich brauchte Bewegung“, erzählt eine Frau, deren Mann dem Alkohol verfallen war. „Ich bin Laufen gegangen – oder Schwimmen.“

Sie und die anderen wissen, dass es Kinder noch schwerer haben: „Ein Kind kann sich nicht ausklinken“ – und nicht „einfach“ in die Angehörigengruppe gehen.

Eine Frau erinnert sich an ein damals zwölfjähriges Mädchen, dessen Vater teilweise mit dem Lebensgefährten der Frau beim Frühschoppen saß. Das Kind habe ihr sein Leid geklagt: „Die anderen sagen, der ist lustig.“ Die Tochter fand es aber gar nicht lustig, wenn der Papa sonntags nach dem Stammtisch heimkam, um seinen Rausch auszuschlafen, und die Mutter deshalb schlecht gelaunt war. Das Mädchen stellte ernüchtert fest: „Ich habe keinen Vater.“

Manche Mutter verlässt offenbar ihren trinkenden Mann nicht, weil sie sagt: „Ich kann ja nicht gehen – wegen der Kinder.“ Das sei falsch, meint jemand aus der Gruppe. Susanne Henning erklärt: „Kinder lieben Ihre Eltern – sie leiden aber.“ Manche übernähmen in der Familie sogar die Rolle von Vater oder Mutter – zum „Kindsein“ bleibt ihnen kaum oder keine Zeit.

Es werde vermutet, dass trotz allem ein Drittel der Kinder „einigermaßen unbeschadet aus der belasteten Familiensituation hervorgeht“, sagt die Diplom-Sozialarbeiterin. Ob das gelinge, hänge maßgeblich vom persönlichen Umfeld ab. Sie erzählt von einem Fall, in dem sich ein Junge mit den Kindern seines Nachhilfelehrers angefreundet und dort ein intaktes Familienleben kennengelernt hat. „Das war für ihn die Rettung.“

In anderen Familien bestand die Rettung hingegen in der Trennung oder in einer Therapie. Es gebe Familientherapien, sagt Susanne Henning – Therapien, bei denen die Kinder dabei sind. Manche Ehe sei aber auch nach der Behandlung zerbrochen. Der Mann in der Gruppe berichtet: „Manche stellen hinterher fest, dass sie gar nicht zusammenpassen.“ Konfliktpotenzial biete sich beispielsweise, wenn der frisch therapierte Partner gleich „den Dirigentenstab in die Hand nehmen“ wolle… – den er während seiner Sucht nicht halten konnte. Eine Frau stimmt zu: „Es muss sich etwas verändern in der Beziehung, damit es funktioniert.“

Verändert hat sich auch manches in der Suchberatung, wie Susanne Henning berichtet: „Früher hat man gesagt, es müsse jemand ganz unten sein…“ Bis er selbst seine Sucht überwinden und eine Therapie machen will. Das Problem dabei: „Viele haben es gar nicht so weit geschafft.“ Um es gar nicht so weit kommen zu lassen, wurden vorbeugende Strategien erarbeitet. Und wenn es jemand ohne Alkohol nicht schaffe, dann sei es das therapeutische Ziel, wenigstens seinen Konsum zu drosseln. Henning betont aber: „Die Abstinenz ist der Königsweg.“ Bei Kauf- und Internet-Sucht gibt es allerdings keine Abstinenz, weil Einkäufe umverzichtbar sind und in der Regel das Internet ebenfalls. Der trockene Alkoholiker in der Runde, den früher das Verlangen nach Alkohol „pünktlich um 6 Uhr“ und damit rechtzeitig zur Arbeit geweckt hat, schwört auf die Abstinenz: „Ich will nicht mehr durch die Hölle Alkohol durch.“ Sein Erfolg: „Ich kann heute über Alkohol reden, ohne dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft.“ Eine Frau erzählt von einer Erfahrung, die sie mit anderen Betroffenen bei der Fasnet gemacht hat: „An dem Tisch, an dem es keinen Alkohol gab, war‘s am Lustigsten“ – an ihrem Tisch.

Manchen Angehörigen hilft auch der Glaube – oder allgemeiner formuliert: Spiritualität. Dazu soll der ökumenische Gottesdienst in der Horber Johanneskirche beitragen, der zur „Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien“ gehört, welche die Vereine „Kunst gegen Sucht“ (Düsseldorf), NACOA Deutschland (Berlin) und „Such(t)- und Wendepunkt“ (Hamburg) initiiert haben.

Kinder trotz abhängiger Eltern stark zu machen – das ist das Idealziel. Und um Stärke wird es im Gottesdienst ganz praktisch gehen, bei einer Übung: „Wer ist stärker?“ Zu diesem Kräftemessen kommt am Sonntag, 17. Februar. Beginn des Gottesdienstes ist um 18 Uhr.

 

Kontakte, die Betroffenen weiterhelfen können

Suchtprävention für Kinder aus dem Landkreis Freudenstadt, die aufgrund ihrer Familien- und Lebenssituation Schwierigkeiten im Sozial- und Leistungsbereich zeigen, bietet die Kinder- und Jugendwerkstatt „Eigen-Sinn“ in ihrem Projekt „Seifenblasen“. Kontakt unter Telefon 07441/ 950654, E-Mail info@ kiwe-eigensinn.de und im Internet unter www.kiwe- eigensinn.de

Die Diakonie in Horb, welche die Angehörigengruppe anbietet, ist wie folgt erreichbar: Telefon 07451/ 4059.

Drogen- und Suchthotline rund um die Uhr: Telefon 01805/ 313031

 

Andreas Ellinger, Südwest Presse Horb, Horber Chronik

Freitag

1

Februar 2013

Publikation:
Südwest Presse

 

Ressort:
Horb