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Andreas Ellinger

JOURNALISMUS IN WORT UND BILD

90 Solarsportplätze oder 5 Windräder?

Veröffentlicht in: Berichte, Energie

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Strom von Fotovoltaik-Dächern (Baujahr 2009) ist 457 Prozent teurer als es Horber Waldwindstrom wäre

 

Der relativ niedrigen Windgeschwindigkeiten wegen soll der „Große Hau“ als Windkraft-Standort an der unteren Wirtschaftlichkeitsgrenze liegen und nur dank Subventionen für die MVV (den möglichen Investor) interessant sein, was Steuerzahler und Stromkunden teuer zu stehen komme. So argumentieren Gegner des Horber Windparks, die dafür keinen Wald opfern wollen. Stimmt das?

Horb. „Leider lohnt sich aufgrund der Subventionen für den Investor selbst der mieseste noch erlaubte Ertrag im Großen Hau“, klagte der Horber Naturschützer Volkmar Rieber vor einigen Tagen in einem Leserbrief. Der Steuerzahler müsse die Subventionen zahlen; und der „Normalbürger“ – über den Strompreis. „Dieser sinkt aber, wenn der zu erwartende Ertrag höher ist“, schrieb Rieber. Und der Stromertrag wachse im Verhältnis zur Windgeschwindigkeit in der dritten Potenz: Wenn ein Windkraftrad bei einer Windgeschwindigkeit von 5 Metern pro Sekunde in einem bestimmten Zeitraum 1000 Kilowattstunden produziere, erzeuge es bei einer Windgeschwindigkeit von 10 Metern pro Sekunde 8000 Kilowattstunden, rechnete Rieber.

Die MVV AG kalkuliert nach ihren Messungen im Großen Hau mit einer durchschnittlichen Windgeschwindigkeit von ungefähr 5,7 Metern pro Sekunde. Der Ihlinger Lambert Straub sagte bei der Bürger-Informationsversammlung in der Hohneberghalle, es sei „nicht sinnvoll, ein Naherholungsgebiet zu opfern, um Anlagen zu bauen, die eigentlich nur mit Steuergeld getragen werden“.

Die SÜDWEST PRESSE hat diese und ähnlich lautende Argumente einem Fakten-Check unterzogen.

Das Bundesumweltministerium erklärte, dass ein Windpark-Investor keine Subventionen aus Steuermitteln erhalte, sondern nur eine Einspeisevergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Dafür kämen die Stromverbraucher auf – in Form des Strompreises.

Ziel der Bundesregierung ist es, eine Energiewende zu schaffen – weg von der Atomenergie. Garantierte Einspeisevergütungen für einen bestimmten Zeitraum sollen Investitionssicherheit bieten. Im Falle der Windkraft an Land gibt es für Anlagen in den windstärksten Gegenden, die einen so genannten Referenzertrag von mindestens 150 Prozent aufweisen, für fünf Jahre eine „erhöhte Anfangsvergütung“ in Höhe von 9,41 Cent pro Kilowattstunde. Anlagen an vergleichsweise windschwachen Standorten wie im „Großen Hau“ bekommen diese 9,41 Cent pro Kilowattstunde auf 20 Jahre garantiert. Folglich belasten sie den Strompreis mehr als Windräder in Nordsee-Nähe, weil dort tendenziell mehr Wind weht.

Im Vergleich zum Horber Wasserkraftwerk am Neckar, dessen Strom für knapp 12,7 Cent pro Kilowattstunde ins Netz fließt, wäre der Strom aus einem Windpark im Großen Hau hingegen günstig. Die Einspeisevergütung dieses Stroms aus Wasserkraft liegt fast 35 Prozent über jener, welche die MVV für ihre Horber Windenergie bekäme. Und wer eine Solaranlage mit einer Leistung bis 10 Kilowatt auf seinem Hausdach in Betrieb nehmen will, kassiert künftig vielleicht 19,5 Cent pro Kilowattstunde. So sieht es ein Beschluss des Bundestags vor, gegen den die Länder Widerspruch erhoben haben. Sie wollen, das mehr gezahlt wird. Jetzt ist der Vermittlungsausschuss dran…

Wer ein Solardach beispielsweise im Januar 2012 installiert hat, der erhält über die nächsten 20 Jahre hinweg 24,43 Cent pro Kilowattstunde. Und wer bereits 2009 sein Häusle zum Solarkraftwerk gemacht hat, wird mit 43,01 Cent pro Kilowattstunde belohnt. Noch einmal: Der Strom aus Windkraftanlagen im „Großen Hau“ würde mit 9,41 Cent pro Kilowattstunde vergütet. Folglich treiben die Solaranlagen schwäbischer Häuslebauer den Strompreis mehr in die Höhe als Windkraftanlagen an der „unteren Wirtschaftlichkeitsgrenze“.

Auch im Flächenverbrauch wären Windkraftwerke im Großen Hau den festinstallierten Fotovoltaik- Anlagen überlegen. Für fünf Windräder müssten, so die Planung der MVV AG, 2,5 Hektar gerodet werden – hinzu kämen Flächen für die Zufahrtswege. Der eine Teil der gerodeten Flächen soll nach der Bauphase vor Ort wieder aufgeforstet werden, der andere Teil (1,75 Hektar) an anderer Stelle.

Betrachtet man Erfahrungswerte von anderen Windkraft-Projektentwicklern mit einem Anlagentyp, der eine ähnliche Größenordnung hat wie die Modelle in der engeren Wahl der MVV AG, so müssten möglicher Weise allerdings knapp 4 Hektar Wald für den Bau von fünf Anlagen gerodet werden (siehe die SÜDWEST PRESSE vom 12. Juni).

Vor diesem Hintergrund seien in der folgenden Berechnung modellhaft 4 Hektar Flächenverbrauch für den Bau von fünf Windrädern inklusive Wegebau angenommen. Sie sollen laut MVV 29 Gigawattstunden Strom pro Jahr produzieren. Zum Vergleich: Der Nordstetter Solarpark soll auf 7 Hektar Fläche (allerdings kein Wald) 3,136 Gigwattstunden Strom pro Jahr herstellen. Der Energieertrag aus der Windkraft im Großen Hau wäre demnach pro Hektar um das 16-fache höher als im Nordstetter Solarpark. Falls die MVV nur 3 Hektar für Aufbau und Wege braucht, fällt die Bilanz noch deutlicher zugunsten der Windenergie aus.

Der Platzbedarf der fünf Windräder im Betrieb (also nicht der Rodungsbedarf) würde nach Angaben der MVV bei 1,75 Hektar liegen. Wiederum mit dem Nordstetter Solarpark verglichen, läge der Stromertrag des Windparks also um das 37-fache pro Fläche höher.

Nimmt man abermals diesen Solarpark, der gerade im Bau und folglich modern ist, als Maßstab, so müssten 64,73 Hektar (mehr als 90 Fußballfelder) mit Fotovoltaik-Modulen überbaut werden, um dieselbe Strommenge zu erzeugen wie die fünf Windkraftanlagen.

All das ändert nichts daran, dass fünf solcher Windräder in Küstennähe viel mehr Strom erzeugen würden als im Großen Hau. Das könnte aber auch für den Nordstetter Solarpark gelten, wenn er in der Sahara aufgebaut würde.

Andreas Ellinger, Südwest Presse Horb, Horber Chronik

Freitag

22

Juni 2012

Publikation:
Südwest Presse

 

Ressort:
Horb